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Eva Rosentiel - en passant

Rudolf Gleichauf - Gegenüber →

Wilhelm Morat/Irmgard Potthoff - Sinnflut →

Reinhard Voss - Relief →


Ariane Faller Budasz, Albert-Schweitzer-Klinik, Königsfeld, März 2010




Eva Rosentiel -  en passant



Wir Menschen, liebe Damen und Herren, suchen nach Klarheit.
Nach Antworten, nach Systemen und Ordnungen – und der Konzentration auf das Wesentliche, das wir vielleicht nicht finden werden.
Vielleicht sollen wir es gar nicht.
Oder es ist - wie so oft - da, wo wir es am wenigsten vermuten.
Unzählige einander durchdringende Ebenen und Tiefen – Eva Rosenstiels Bilder, die mit Recht das Gegenteil von „aufgeräumt“ sind, zeigen uns andere Ordnungen. Ein anderes Sehen und Wahrnehmen, das wir im Laufe unseres Lebens, in der Hetze unseres Alltags, vielleicht schon im Begriff waren zu verlernen: den Blick aus dem Augenwinkel.

In einer Zeit, die für uns manchmal allzu oft die ein oder andere Scheuklappe bereit hält, widmet sich Eva Rosenstiel dieser besonderen Wahrnehmung, innerhalb derer sich Begriffe wie flüchtig und konzentriert, ausblendend und fokussierend, rast- und zeitlos nicht widersprechen.
Wie oft streift ein jeder von uns umher, den Fotoapparat griffbereit und versäumt es doch, den Auslöser zu drücken, weil der perfekte Moment dazu noch nicht gekommen zu sein scheint.
Welches Motiv ist würdig genug, vermeintlich für die Ewigkeit festgehalten zu werden?
Man hat immer eine Wahl...

In ihrer Arbeit verdeutlicht Eva Rosenstiel, dass eben nicht nur das Bekannte, die beliebten Motive, eines zweiten Blickes wert sind.
Durch ein unwillkürliches, fast unterbewusstes Blicken und Handeln, gleich dem Filter einer Kamera, trifft die Künstlerin ihre Wahl.
Strukturen und Lichtsituationen, die bereits aus sich selbst heraus vibrieren – „flirren“, gratwandern zwischen Greifbarkeit und Flüchtigkeit.
„Es reizt mich, wenn man nicht mehr klar sieht“, sagt Eva Rosenstiel.


En passant – im Vorbeigehen friert der Fotoapparat ihre Streifblicke ein und bannt den Bruchteil zwischen zwei Augenblicken auf Film.
Film? Mögen Sie sich fragen...
Tatsächlich fotografiert Eva Rosenstiel noch weitestgehend analog – erst allmählich gestattet sie der Digitalfotografie den Einzug in ihre Arbeit.
Der Charakter des ursprünglichen Schnappschusses, das Nichtwissen, wie das soeben aufgenommene Foto später aussehen wird und darüber hinaus das Überraschungsmoment, nach einer Wartezeit den zur Entwicklung abgegebenen Film verwandelt zurück zu erhalten, sind wesentliche Bestandteile ihres Arbeitsprozesses. Der Faktor „Zufall“ ist hier ein gern gesehener – das richtige Quäntchen Fremdbestimmtheit bringt Spannung und ist Impuls, sich für Lösungswege zu entscheiden, die man sonst vielleicht nie betreten hätte.


Hält die Künstlerin nun ihre auf Papier manifestierten Streifblicke, ihr „Rohmaterial“ in den Händen, setzt sich der Vorgang des Auswählens fort.
Die 10 x 15 cm großen Abzüge im „Paradiesformat“ – ein Werktitel, der Eva Rosenstiel ebenso unvermittelt ins Auge fiel, wie viele ihrer Sujets, ursprünglich dienlich als werbewirksames Schlagwort einer bekannten Drogeriemarktkette – werden mit Öl- oder Acrylfarbe bearbeitet. Elemente werden hervorgehoben, manchmal auch ausgeblendet.
In der Fotographie bereits angelegte Kompositionen und Farbigkeiten werden aufgegriffen, betont, ab und an negiert.
Unzählige dieser „Paradiesformate“ existieren mittlerweile, und Eva Rosenstiel ist mit ihnen noch lange nicht an einem Endpunkt angelangt.
Teils wandfüllend installiert, teils als Potentiale in schlichten Holzkästen schlummernd präsentiert, sind die Serien wichtige Protagonisten in Rosenstiels Ausstellungen: eigenständige Arbeiten und Grundlagen ihres weiteren Vorgehens.

Spontan, beinahe zufällig, und doch immer formale Kriterien im Auge behaltend, entscheidet sich Eva Rosenstiel für diejenigen der kleinformatigen Fotoübermalungen, die eingescannt, vergrößert und mittels Inkjetdruck erneut zu Papier gebracht werden.

Gleich einem Aquarell „rückwärts“ wäscht die Künstlerin Formen und Strukturen des Ursprungsfotos, sowie dessen Bearbeitung heraus, decoloriert Bereiche des kompositorischen Gesamtgefüges und formuliert ein neues, nicht reproduzierbares  Ganzes.
Plötzlich scheinen wir durch milchige Fenster hinter das Bild zu blicken, Sonnenflecken scheinen vor unseren Augen über das Papier zu tanzen und Seifenblasen – vielleicht auch nur Schneeflocken – sich leise auf einem imaginären Kameraobjektiv nieder zu lassen.
Leerstellen, „blinde Flecke“ und „tote Winkel“ setzt Eva Rosenstiel als bildnerisches Mittel ein und strukturiert mit ihnen formatfüllend die Bildoberfläche.
 
Einzelnen Bildern jedoch genügt das noch nicht, um „fertig“ zu sein, und ein weiterer Arbeitsschritt kommt hinzu: die weggenommene Drucktinte wird erneut durch Öl- oder Acrylfarbe ergänzt oder sogar in Gänze unter ihr verborgen.
Ob Sie es nun glauben, oder nicht, meine Damen und Herren, manchmal entscheidet ein Bild beinahe ganz allein, wie es zu werden hat; ob ein Schritt nach vorne nicht in Wahrheit einer zurück, und umgekehrt, ist.
Die Notwendigkeit, das eigene künstlerische System immer wieder zu reflektieren und zu überprüfen, sowie die Offenheit innerhalb scheinbarer Grenzen neue – andere- Wege zu betreten, lassen Eva Rosenstiel zusätzliche Handlungsstränge verfolgen und Werkgruppen entwickeln; so wird durchaus auch ab und an ein Foto auf Folie gedruckt, auf Spiegelglas appliziert und übermalt.

Geboren in Hüfingen, der Schnittstelle des Schwarzwalds und der Baar, studierte Eva Rosenstiel in Freiburg, an der Außenstelle der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Peter Dreher.

Auch heute lebt und arbeitet sie in Freiburg – im letzen Jahr jedoch, dank eines Stipendiums des Landes Baden-Württemberg, überwiegend in der renommierten Cité Internationale des Arts in Paris.

Und wie geeignet scheint die Wahl dieser Stadt – setzt sich Eva Rosenstiel in ihrer Arbeit doch unverkennbar mit den Auswirkungen des Impressionismus, der seinen Anfang im Paris des späten 19. Jahrhunderts fand, auf die heutige Kunst auseinander.

Die charakteristische Auflösung der Bildoberfläche, die uns die Geschehnisse im Bild nur aus einer gewissen Entfernung in Gänze erfassen, und uns aus der Nähe in einzelne Elemente aufschlüsseln lässt, betont durch einen fließenden, fast flüchtigen Pinselduktus, der wie zufällig gewählte Moment, der als Ausschnitt festgehalten wird, und nicht zuletzt die Umsetzung von Licht und dem von der Künstlerin als „Flirren“ bezeichneten Phänomen, bilden unmittelbare Berührungspunkte.

In der Stadt, in der die Lichter stets ein wenig bunter zu sein scheinen, als überall sonst, fanden sich Eva Rosenstiel und der Begriff des Flâneurs, der einen Menschen bezeichnet, der die Großstadt durchstreift wie ein Wanderer die Natur, vielleicht ziellos, jedoch nicht gedankenlos sich treiben lässt, gesehen wird und sieht.

Das Wort Flânerie weicht für sie die Grenzen zwischen Stadt und Land auf und macht sie durchlässig für das jeweils Fremde, das auf den ersten Blick ebenso wenig mit dem anderen zu tun hat, wie auf den zweiten und doch...
Die Passante - die Spaziergängerin - Eva Rosenstiel wandert durch graubunte Großstädte und schaufensterbummelt durch den Schwarzwald, dessen Wälder immer ein wenig dunkler sind als andernorts.

Die Augenblicke, in die Eva Rosenstiel uns eintauchen lässt, sind Spiegelungen von Strukturen und Materialien, Orten und Lebensräumen, aber in erster Linie subjektiv erlebte, an Situation und Atmosphäre geknüpfte Wahrnehmung, der jegliche objektive Wiedererkennbarkeit untergeordnet ist.
„Es war nicht wirklich so“, sagt Eva Rosenstiel „ich habe es so gesehen“.

Im Wissen darum, dass die Erkennbarkeit und die mögliche Bedeutung eines von ihr als Ausgangspunkt verwendeten Gegenstandes nicht gleichbedeutend mit dessen Funktion innerhalb ihrer Bilder ist, misst sie diesem keinen besonderen Wert bei – wohl aber dem, was irgendwann einmal aus ihm werden kann, wenn er von ihrem Streifblick, und dem ihrer Kamera, erfasst, bemalt, gedruckt und decoloriert wurde. 
Eva Rosenstiel portraitiert auch die Menschen, die hin und wieder ihre Bilder „durchstreifen“ nicht. Sie nutzt sie als Kompositionselement und wertet sie dadurch keinesfalls ab, sondern setzt sie gleich mit Bäumen, Karussellen, Architekturen oder Schaufenstern und stellt sie als das dar, was sie sind: Teile eines lebendigen, pulsierenden Chaos’.

Bleiben Sie, liebe Damen und Herren, so, wie Sie heute Abend waren und sind: aufmerksam.







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